Kochen mit Doña Joaquina

Wie ihr dem letzten Blogg entnehmen könnt, fühle ich mich pudelwohl "en mi barrio". Mehr und mehr legen die Nachbarn (und wohl auch ich) ihre Scheu und Zurückhaltung ab. Täglich habe ich nun Gelegenheit, meine Spanischkenntnisse bei den netten "locales" anzuwenden. Sei es für einen kurzen Austausch über das (seit Wochen) schöne und trockene Wetter und der damit allerorts eindringende und nervende Strassenstaub (da hier im Quartier mehrheitlich noch Naturstrassen vorhanden sind) oder sei es, für eine kurze Vorstellung ihrer- oder meinerseits! Macht Spass! Sogar mit den Quartier-"Goffe" komme ich ins Gespräch, da diese - neben Basketball und Fussball, was jeden Abend bei Flutlicht vor meiner Wohnung gespielt, bejubelt und diskutiert wird - auch die Erzeugnisse der Mütter (Arepas, Tamales, Brot usw.) von Tür zu Tür verkaufen. Bei so einem Gespräch mit Joaquina (der Ehefrau vom Quartieraufseher Don Gerardo) sind wir aufs Kochen gestossen (Kochen Sie überhaupt Frau Schneiter? Was kochen Sie Frau Schneiter? Ja. mein Mann hat erwähnt, dass Sie ab und zu ein Yuca-Brötli kaufen. usw.). Ich hatte ja schon seit meiner Ankunft Pläne, mich mit der einheimischen Küche etwas vertraut zu machen. Nein, keine euro-ami-touristische vegetarische oder gar -vegane Kochlektionen bei einem Gutmenschen, sondern mit den lokalen Produkten die hiesigen Gerichte zubereiten, dies war mein Plan! Meine liebe Nachbarin Yolanda brachte mich auf die Idee, doch mal die Frauen vom Quartier darauf anzusprechen, was ich dann letzte Woche endlich gemacht habe. Joaquina war sofort einverstanden (sie mache die besten Tamales im Quartier, hat sie unbescheiden erwähnt) und hat alle Frauen, welche während der darauf folgenden 10 Minuten am Haus vorbeigelaufen sind, gleich einbezogen. War lustig, wie 4 (!) Frauen überlegt haben, was, wo, wie und wann der einzigen "Gringa en el barrio - gedacht, aber nicht ausgesprochen" die üblichsten Gerichte gezeigt werden könnten. Sie haben sich darauf geeinigt, dass auf jeden Fall die Herstellung der Tamales, Arrepas und der Sancocho-Suppe gezeigt werden müsse. Wie gesagt, Dona Joaquina ist die Ehefrau des Quartieraufsehers und macht die besten Tamales der Region, daher wurde ich vertrauensvoll in "ihre Hände" gegeben. "Liebe Frau Schneiter, heute Samstag habe ich keine Zeit, morgen ist Sonntag, also treffen wir uns um 7.30 Uhr Montagmorgen. Wir gehen gemeinsam einkaufen. Die Vorbereitungen sind aufwändig, so dass wir kurz vor Mittag die Sancocho-Suppe einschieben können. Am Nachmittag beenden wir die Tamales! Ach ja, und mein Mann zeigt Ihnen dazwischen, wie die Arrepas zubereitet werden. Er macht nämlich die Besten im Quartier!" Ich nicke und stimme der Planung grundsätzlich zu, weise aber noch daraufhin, dass ich morgen Sonntag meinen ersten Hausgast (habe ja noch keine offizielle Erlaubnis, Gäste zu bewirten) erwarte. Kein Problem, die Frau darf natürlich auch mitkommen. Super, dann sage ich mal zu!

Zusammen mit meinem Gast, Esther aus Bern, stand ich also um 7.30 h vor dem Haus bereit. Leider verspätete sich Frau Quartieraufseherin um 1,5 Stunden. "Kein Problem, wir gehen jetzt mal einkaufen, dann machen wir die Sancocho und am Nachmittag beginnen wir mit den Tamales! Listas?!" Ja klar (bereit waren wir auch vor 1.5 Stunden schon). Folgende Einkaufsliste mussten wir "abarbeiten":
Tamales --> Zwiebeln, Kräuter (Peterli, Koriander, Chili), Stangensellerie, Rüebli, Kichererbsen (nein, die nicht, hat Dona Joaquina noch im Tiefkühler), 250 g Poulet- und Schweinefleisch, Gewürzmischung orange (vom Gemüsehändler hergestellt) und grosse Bananenblätter.
Sancocho --> Suppengemüse, Maiskolben, Yuca und Kartoffeln (nein, auch davon befinden sich noch genug im Vorratsraum von Dona Joaquina), eine Sancocha-Gewürzmischung gelb und ein Poulet (geviertelt). 
Da es Esther nicht so gut ging, habe ich die Einladung zur Demo und zum Verzehr der Sancocho-Suppe (eine feine Mais-Hühnersuppe) abgelehnt. Um 15 Uhr hielt uns dann nichts mehr und wir standen vor dem Haus des Quartieraufsehers. Staunend haben wir die Herstellung der Tamales verfolgt. Ein Tamal ist ein Gericht aus Maisteig, der mit mariniertem Fleisch und gekochten Kichererbsen (tamal santanderoso) gefüllt und in Bananenblättern gedämpft wird. Ja danke Wiki, aber dauert immerhin 3 Stunden, bis die "Päckli" geschnürt sind und anschliessend müssen die Tamales 2 Stunden im Dampf garen. War dann leider nichts, mit "Versucherli" am gleichen Tag. Erst am nächsten Tag konnten wir ein Tamal inkl. selbstgemachter Aji-Sauce (Tomaten, Zwiebeln, Mini-Chili-Schöteli, Salz) probieren. Delicioso! 
So nebenbei haben wir Don Gerardo beim Produzieren von Arepas-Teig (runde Fladen, welche aus Mehl von geschälten, eingeweichten und vorgekochtem Maiskörnern, Wasser, Salz und Butter/Margarine hergestellt werden) beobachten können. Der Fladen wird anschliessend auf einem heissen Ofenblech gebacken. Don Gerardo ist clever und er verkauft die "besten Arepas des Barrios" als Teig, damit die Nachbarsfrauen nicht in Verdacht kommen, die Arepas (eines der Grundnahrungsmittel der Cafeteros) nicht selber gemacht zu haben. Sowas kaufen nur Städter und Turis! Ja ich sag's Euch: soy local!